Freitag, 30. Dezember 2005

leben und sterben einer wg-legende (eine fiktive fabel)

[dies ist ein geretteter eintrag meines alten blogs vom 17.11.2004]

'reinlichkeit ist keine schande!', sagte er ihr und wies sie darauf hin, ihre haare aus dem abfluss der dusche, dem gemeinsamen kühlschrank und dem salat zu entfernen. sie war die hässlichste lebende person, der er jemals begegnet war. ihm waren schon viele frauen unter die augen gekommen, doch keine war so hässlich wie sie. sie verdiente das prädikat 'frau' nicht und eigentlich, so wusste er es als germanistikstudent, war 'frau' eh kein prädikat, sondern ein nomen. aber das war ihm egal, da er eh sehr sporadisch zur uni ging. sein studium wollte er eh schmeißen. nichts hielt ihn mehr an seinem traum. alles, was menschlich an ihm war, verpuffte als er sie traf. sie. das tier.
er konnte sich nicht ausmalen, wie er mit einer fremden frau, die das zehnfache wie er wog, eine wohngemeinschaft gründen konnte. es war ein so surrealer gedanke, fast so, als würde man sich vorstellen, was hinter dem universum ist, also, wovon das universum getragen wird. es muss ja inirgendeiner schachtel hängen oder so. damals dachten sie griechen, es sei ein tuch mit sternen dran und dahinter wäre dann nichts. aber dieses nichts musste auch von irgendwas getragen werden. also erfand man den karton. das universum ist also in einem karton. es ist dort jeweils an die ecken getackert. mit kosmischen tackern geht das. das tuch. getackert in den karton. sterne ran und fertig. doch die griechen verwarfen diese idee und erfanden das tzaziki, das tsaziki, das zaziki oder wie auch immer man das schreiben will. es schmeckt eh immer anders. und griechen sind eh komische geschöpfe. tanzen unter einfluss von metaxa zirtaki und keiner weiß, was das heißt. es ist auch egal. man fragt nie, was irgendwas wirklich heißt. oder, ob es irgendwas heißt. man nimmt es einfach an. so wie er diese frau angenommen hat, die noch unmöglicher war, als serbische bohnensuppe.

sie saß also aufgequollen an diesem tisch - seinem tisch - und verteilte ihr haupthaar in der gemeinsamen wohnung. gut, man konnte sich in einer 14-zimmer-wohnung leicht aus dem weg gehen, aber ihr geruch verfolgte ihn bis in den alltag. sie roch ungelüftet, verbraucht, süßlich und eigenartig, so wie eigentlich leichen riechen, die im regen und dann zum trocknen auf der heizung lagen. so roch sie. sie liebte es, zu riechen. eines ihrer debilen hobbies war das transpirieren. einmal kam er mit ihrer achsel in berührung und musste sich das shirt wieder trocken fönen. danach hatte er fast drei monate herpes. so richtig große bläschen, dass man einen griechischen karton damit hätte füllen können, wenn man sie mit einem spachtel abkratzen würde. doch niemand benutzt einen spachtel, um sich den herpes zu entfernen. man sollte das eh nicht anfassen - auch nicht, wenn es unüberhörbar puckert. küssen ist da auch nicht drin. das gibt man nur weiter. und wer sollte ihn auch küssen, jetzt, wo er mit der ausgeburt der hölle zusammen lebte. er roch schon wie sie. sah fast aus wie sie. nur fehlten ihm die brüste und die aufgesetzte freundlichkeit. er wusste eh nicht, wieso er mit ihr zusammen zog. in so einer großen not befand er sich gar nicht. in so einer not war nicht einmal die sinkende titanic. mit freude hätte er seinen karton unter der brücke wieder bezogen, doch die zeiten änderten sich rasch.
jeden tag sah er sie, roch sie und aß sie, bzw. aß er teile von ihr. ungewollt. ihre haare waren überall. sie gruben sich wie kleine scarabeus-käfer (gut, das wort ist doppeltgemoppelt, aber ich weiß gerade die mehrzahl von scarabeus nicht. jedenfalls kann ich es nicht richtig schreiben) in seine haut. er zog sie sich aus dem rachen oder unter den zehennägeln hervor. es war grauenhaft. wie gerne würde er seine hände fest um ihren hals legen und zudrücken. doch ihr hals war dermaßen speckig, dass er nicht wusste, wie sich die daumen beim würgen treffen sollten. mord ist eh doof. wie soll er jemals die leiche aus dem 17. stock des hauses bekommen, wenn der fahrstuhl immer kaputt ist? wie soll der die ganzen müllsäcke besorgen, um eine zwei-meter-zehn-zentner-frau zu entsorgen? oder er könnte einen wasserrohrbruch inszenieren und warten, bist das wasser bist zur hüfte reicht. er würde sie mit nagellackentferner sedieren und sie solange unter das wasser drücken, bis ihr langweiliges leben endet. das war aber alles zu anstregend. für einen studenten jedenfalls. denn studenten bewegen sich ungern. das kostet kraft, die man eigentlich zum lernen braucht.

eines tages kam er heim. es waren in der wohnung mindestens 45°c und es roch nach kotze. es war grauenvoll. es war ihre kotze. sie füllte sie in einen orangen eimer, der eigentlich zum abwaschen benutzt wurde, da es keine spüle gab. sie lachte nur und meinte, es sei egal, was mit diesem eimer gemacht würde, es interessiere kein schwein, ob es nun kotze oder dreckiges geschirr wäre. irgendwie hatte sie da recht. aber konnte es nicht kotze eines gutaussehenden berliners sein? wieso ausgerechnet der mageninhalt der widerlichsten person deutschlands? und wieso ausgerechnet heute, wo er doch besuch erwartete? wieso war sie überhaupt zuhause? das waren alles fragen, die er sich stellte, aber nicht zu beantworten vermochte. studenten beantworten sich keine eigenen fragen, sie brauchen ihre kraft zum... lassen wir das, sonst kommen wir wieder in eine endlosschleife und das nervt.
jedenfalls bekam er besuch. der gleich wieder ging. kotze im 17. stock, fahrstuhl kaputt und katzenkot auf dem teppich. das war nicht einladend, wenn auch sehr typisch für eine gemischte wg irgendwo im elendsviertel.
seit er mit ihr zusammen zog hatte er das gefühl, in einer eheähnlichen beziehung gefangen zu sein. jedenfalls gab sie ihm dieses gefühl. sie nannte ihn 'schatz' und rollte seine socken zusammen. fast wie mutter. nur mutter roch nach frühling. sie nicht. für ihre erscheinung gab es kein wort, es war nicht erfunden. man konnte es auch selbst nicht erfinden, denn stundenten erfinden nie eigene wörter. sonst würden sie ja nicht studieren, sondern wörterbücher schreiben und den nobelpreis für sich reservieren lassen. schweizer fonduekäse mit ranzigem wein. so müsste ihre vulva riechen, wenn man sich das ausmalen würden. es war auch egal, wie das hieß oder roch. es war alles egal, was mit ihr zu tun hatte.

schon morgens traf er sie auf dem flur. sie stand immer eine stunde vor ihm auf, um groß zu machen, um sich ihre haare hochzustecken oder um irgendwas neckisches mit ihrer katze zu machen. es war abartig, wenn sie mit ihrem flummi spielte, ihn gegen die wände, seinen kopf oder seine gäste schleuderte. sie war krank. im kopf. im bauch. in den beinen. oft roch es nach eiter, erdbeer und käse. es war ein vorgeschmack der hölle. oder mittendrin.

der tag kam, an dem die malerische idylle aus ihrem betonierten fugen gerissen wurde: das ende. von allem. einfach so. er und sie. sie mochten sich nicht mehr. das farbenspiel des windes war vorüber. der fisch war gelutscht. die milch geschlabbert. sie verstanden sich nicht mehr. fettleibigkeit und hedonismus vertrugen sich nicht mitenander. sie prallten aufeinander wie trägheit und vergeltung. spalt! würde es machen. tat es aber nicht. es war klanglos und blutig.
eine welle spülte sich durch die gemäuer. ertrank alles leid. er drückte ihren kopf unter wasser. eine halbe stunde lang. sich vergewissern, dass sie auch wirklich nur noch zuckte, weil das leben aus ihren gliedern verschwand.

ein leben in prosa hätte es werden können. wenn sie nur schlank und ein mann gewesen wäre. ficken. den ganzen tag, wenn sie schönheit besäße.
nun lag sie dort. leblos. ein stilleben. wunderbar und ikonengleich. er zündete sich eine zigarette an und zog den hauch des todes tief in seine lungen.
später würde er der kleinen katze, die ihr gehörte, eine braune schleife auf den kopf tackern und ihr die freiheit schenken. sie sollte allen dicken verkommenen mädchen von ihm erzählen, sie vor den gefahren ihrer fettleibigkeit berichten. sie sollte ausziehen, als eine von ihnen. als wegbegleiter derer, die nicht zu leben wussten.

doch kam es anders. alles kam anders und sowieso. die welle kam nie. es war nur eine seiner vielen visionen, die niemals von fruchtbarer wahrheit geschmückt wurden. er musste weiterhin ihre debile gegenwart ertragen, sich von ihr umgeben sehen. es endete mit ihrem überraschenden auszug. und dann kam seiner.
es wurde nicht getötet und mit blut schnörkel gemalt. es endete ruhig. leider. weder dramatisch, noch mit ihren tränen. ein langweiliges happy end. wie im film 'schindlers liste', der als komödie ja wirklich unlustig war.

doch lernte er aus dieser wohngemeinschaft. er zog seine weisheiten aus diesem zusammenleben: ziehe nie mit jemandem zusammen, der dir beim ersten treffen unheimlich (betonung doppelt unterstrichen auf 'umheimlich') freundlich, nett und zuckersüß erscheint. es ist eine fassade. sie will dich einwickeln in ihr aus zucker gesponnenes netz. will dich vergiften mit dem stachel, der in irgendeiner fettspalte versteckt ist. lauf weg. du narr. lauf, so schnell du kannst. auch wenn du ein bein nachziehst.






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Lenore (Gast) - Do, 15. Jun, 20:46

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mutter roch nach frühling. sie nicht. so sieht´s mal aus.

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